Das Tryptichon von Sieger Ragg im Willi-Bleicher-Haus Stuttgart
DGB-Region Stuttgart | Gestaltung und Foto: Andre Fricke
Sieger Ragg hat die drei Bilder Ende 1985 gemalt und sie Anfang 1987 erstmals in einer Einzelausstellung in der DGB-Bundesschule Hattingen gezeigt. Als die Bilder entstanden, arbeitete Sieger bereits 14 Jahre im Stuttgarter DGB-Haus als Gewerkschaftssekretär, mit dem Ziel, eine gewerkschaftliche Kulturarbeit aufzubauen.
In seiner Kunst war ihm die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen ein wichtiges Anliegen: das Hinterfragen von Ereignissen, Positionen, Verantwortung. Dazu gehörte auch die Frage nach der Aufgabe von Kunst und Kultur in der Gesellschaft und die Rolle und Haltung als Künstler. Im Triptychon finden sich diese Gedanken am Beispiel der drei Männer personifiziert:
HAP Grieshaber (1909 – 1981) war wie Sieger Ragg gelernter Schriftsetzer und engagierter Grafiker und ein bildender Künstler mit Eigensinn, der sich entschieden gegen Militärdiktaturen und für internationale Solidarität einsetzte. Er war den Gewerkschaften verbunden, gestaltete z.B. das Plakat des DGB zum 1. Mai 1978. Der Schriftzug „solidarietá coi terremotati“ bezieht sich auf eine Kampagne zur Unterstützung der Opfer des Erdbebens am 23.11.1980 in Basilicata, Italien, für die sich Grieshaber engagierte. Er hatte dazu einen Holzdruck für ein Plakat hergestellt. Im Juni 1981 fand dann im Stuttgarter DGB-Haus eine Versteigerung statt, zu der zahlreiche namhafte Künstler/innen Arbeiten gespendet hatte. Mit dem Erlös konnte ein Wasserfahrzeug in die Erdbebenregion gebracht werden.
Alexander Haig (1924 – 2010) war General der US-Army unter Richard Nixon und Gerald Ford, Außenminister unter Ronald Reagan, NATO-Oberbefehlshaber in Europa. Mitverantwortlich u.a. für Vietnam- und Falklandkrieg und atomare Aufrüstung. Das Bild ist eine deutliche Stellungnahme gegen Imperialismus und Kriegstreiberei, unterstrichen durch das zynische Zitat „ Es gibt Wichtigeres als den Frieden“.
Willi Bleicher (1907-1981) Das Portrait zeigt den Gewerkschaftsführer als entschlossen und willensstark. Das Zitat „Es reut mich jeder Tag an dem ich keine Wunden schlug“ ist wahrscheinlich nicht von Bleicher selbst, sondern geht auf das Gedicht „Huttens letzte Tage (1872) von Conrad Ferdinand Meyer zurück. Es war in der Arbeiterbewegung bekannt und wird beispielsweise in einer Ferdinand-Lasalle-Biographie erwähnt. Dort wird van Hutten, der Humanist aus dem 16. Jhdt. mit dem Sozialisten Lasalle aus dem 19. Jhdt. verglichen. Auf van Hutten gemünzt heißt es in dem Gedicht: “Mich reut die Stund, die nicht Harnisch trug, mich reut der Tag, der keine Wunden schlug:“
Ein eindringlicher Appell, nie im Kampf für mehr Menschlichkeit nachzulassen? Insgesamt ist das Triptychon im Zeitbezug zum Nato-Doppelbeschluss und der Friedensbewegung zu sehen und zu verstehen.
Gestalterisch fällt eine sehr direkte, „raue“ Malweise auf und die Verbindung von Bild mit Schrift. Die Darstellung von HAP Grieshaber ist im Vergleich zu den beiden anderen Personen deutlich zarter: eine sensible Zeichnung steht im Vordergrund, auch die Farbgebung ist zurückhaltender. Der Künstler wirkt nachdenklich, schaut als einziger der Drei sein Gegenüber an. Einbezogen in das Gesamtgeschehen und die Komposition, bleibt er dennoch eigenständig.
Dem aggressiven Inhalt entsprechend ist das Mittelteil mit Alexander Haig expansiv, beansprucht den größten Raum. Die Farbwahl ist schrill, die Krawatte lässt Blutiges assoziieren. Die Schrift wurde mit Schablonen aufgetragen, wie man sie von Überseefrachten kennt.
Willi Bleicher ist mit starker, bewegter Geste und in expressiver Malweise dargestellt, so auch das Zitat als Handschrift. Er greift ein: hier direkt in das Bild und Geschehen um Haig. Ein Mensch, der zupackt und keinen Widerspruch duldet, was durchaus ambivalent verstanden werden kann. Das Foto, was dem Bild als Vorlage gedient hat, ist ebenfalls im Willi-Bleicher-Haus zu sehen.
Durch die Entscheidung für das Format eines Triptychons wird das Mittelstück, was den Imperialismus benennt, von einem beidseitigen Widerstand flankiert. Zwei Persönlichkeiten als Symbolfiguren des Widerstandes nehmen ihn in die Zange: der eine als sich international positionierender Künstler, der andere als kämpferischer Gewerkschaftsführer. Beide übrigens Baden-Württemberger.
Das Triptychon ist ein zeitbezogenes Werk, was viele aktuelle Fragen, auch an die Gewerkschaftsarbeit, aufwerfen kann: ein möglicher Impuls für gesellschaftspolitische und kulturelle Diskussionen. Genau das wäre im Sinne des Gewerkschafters und Künstlers Sieger Ragg.
Für Informationen über Hintergründe und Kontext des Triptychons danken wir Ute Kumpf, Hermann Abmayr, Wolfram Isele, Thomas Jung und Joachim Sauter.
Lebenslauf Sieger Ragg
- 19.01.1942 geboren in Stuttgart
- 1958 – 1961 Schriftsetzerlehre
- 1963 – 1964 Studium Glasmalerei und Mosaik bei Prof. Yelin
- 1964 - 1969 Malerei bei Prof. Sonderborg, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
- 1971 – 1988 Leiter der Abteilung Bildung im DGB Baden Württemberg
- 1988 – 2010 Freier Künstler: Malerei, Drucke, Objekte, Initiativen im Kunst- und Kulturbereich, Kursleiter an der Kunstschule Filderstadt und Volkshochschule Stuttgart für Typografie, Radierung, Malerei, Zeichnen, Studiengänge Kunst, Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland und Frankreich
- 15.12.2010 gestorben in Stuttgart
- 2013 Retrospektive mit Druckbildern an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart